Gouverneur von Kundus kritisiert Bundeswehr
"Die Deutschen sind schwach"
So gefährlich der Bundeswehreinsatz in Afghanistan auch sein mag: Nach Ansicht des Gouverneurs von Kundus ist er völlig wirkungslos. Im Interview mit der ARD kritisiert er, die Bundesregierung habe Angst, dass ihre Soldaten dort sterben. Der Gouverneur wünscht sich deshalb mehr amerikanische Soldaten.
Von Kai Küstner, ARD-Studio Südasien
http://www.tagesschau.de/multimedia/...mittel16x9.jpg http://www.tagesschau.de/image/icon_lupe_d5e0f7.gif [Bildunterschrift: Schwer bewaffnet und dennoch wirkungslos? Die Kritik am Bundeswehreinsatz ist scharf. ]
Der Gouverneur der Provinz Kundus, Mohammad Omar, war schon in der Vergangenheit gewiss nie knauserig mit Kritik am deutschen Einsatz. Jetzt allerdings ist er überdeutlich geworden: Er nennt die Bundeswehrtruppen in seiner Region schlicht wirkungslos. "Am Anfang, als die Deutschen hier ankamen, waren sie sehr effektiv in der Region. Beim Bau von Straßen, von Kliniken, von Brücken und Schulen. Aber heute ist die Situation anders, sie hat sich verschlechtert. Die Deutschen sind schwach, was die Änderung der Sicherheitslage angeht. Wir haben einen Feind, der will uns töten. Wir haben auch Freunde - aber wenn der eine Freund uns nicht rettet, müssen wir uns an den nächsten wenden. Das heißt im Klartext: Wenn die Deutschen uns nicht helfen, müssen das die US-Amerikaner tun."
Harte Worte für jeden Bundeswehr-Soldaten, der im Grunde jedes Mal sein Leben riskiert, wenn er das Camp in Kundus verlässt. Omar jedenfalls wünscht sich mehr US-Präsenz und weniger deutsche. Die Taliban, Al Kaida und andere Aufständische hätten sich in Kundus eingenistet, so der Gouverneur. Um die Feinde wieder loszuwerden, sind die Deutschen seiner Meinung nach die falsche Wahl - oder wahlweise der falsche Freund.
Bundeswehr zeigt Verständnis
Der Presseoffizier im Wiederaufbauteam Kundus, Jürgen Mertins, bemerkt dazu auf Nachfrage: "Die Einschätzung des Gouverneurs spiegelt sicher die angespannte Lage wieder. Es ist durchaus verständlich, dass der Gouverneur die Truppenverstärkung der Amerikaner auf die ihm eigene Weise willkommen heißt."
Gefragt danach, was die Deutschen denn ändern sollten, redet Gouverneur Omar im Interview mit dem ARD-Hörfunkstudio Südasien nicht lange um den heißen Brei herum: Sie müssten Aufständische töten, wir wollen, dass sie das tun, so der Provinz-Chef wörtlich: "Das Wiederaufbauteam in Kundus ist vermutlich bereit, die Feinde zu bekämpfen. Aber leider will das die deutsche Regierung nicht. Die will nicht, dass ihre Soldaten hier sterben. Aber wir hier in der Provinz tragen auch Verantwortung unseren Menschen gegenüber. Wir müssen die Aufständischen loswerden und Sicherheit haben. Wir wollen von der deutschen Regierung, dass sie die Realität hier sieht. Dass sie ihren Soldaten ermöglicht, effektiv zu handeln. Denn wir haben viele Terroristen hier."
Ruf nach mehr Offensive
Effektiv und richtig fand der Gouverneur zum Beispiel das von Deutschen angeordnete Bombardement der von Taliban entführten Tanklaster. Er wünscht sich mehr Offensiven. Zwar habe sich die Sicherheitslage in Kundus zuletzt ein wenig verbessert. Das allerdings sei ausschließlich das Verdienst der afghanischen Sicherheitskräfte und der US-Amerikaner.
Der Sprecher im Wiederaufbauteam Kundus erklärt dazu, die Zusammenarbeit der Bundeswehr mit den afghanischen Sicherheitskräften laufe sehr gut: "In den vergangenen Monaten haben wir eine ganze Reihe von Operationen durchgeführt zusammen mit der afghanischen Seite. Und wir meinen, dass sich die Sicherheitslage im Raum Kundus dadurch verbessert hat."
Gouverneur Omar sieht das anders. Weniger Terror - das gehe nur mit mehr US-Präsenz, so ganz offensichtlich seine Kalkulation für Kundus. Und deshalb wünscht er sich auch, dass die Amerikaner aus Barack Obamas versprochener Truppenaufstockung insgesamt 3000 Soldaten in seine Provinz abzweigen werden. Wenn die erst da seien, schlägt Omar vor, könnten sich die Deutschen ja auf ruhigere Gegenden im Norden konzentrieren.